Christians unterwegs – Notizen einer Reise durch das Bistum
Nach 2900 km ziehen Dr. Christian Hennecke und Dr. Christian Heimann ein Zwischenfazit.
In den vergangenen Monaten waren wir - Christian Hennecke, Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Christian Heimann, Vorsitzender des Diözesanrates - gemeinsam im Bistum unterwegs.
Was zunächst wie eine Reihe von Terminen aussah, wurde für uns zu einer Reise durch die Vielfalt kirchlichen Lebens in unserem Bistum. Wir haben Gemeinden erlebt, die sehr unterschiedlich geprägt sind – manche eher städtisch, andere ländlich, manche mit gewachsenen Strukturen, andere mitten in Veränderungsprozessen. Und überall trafen wir Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft ihrer Kirche machen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Mal war der Raum voll, mal überschaubar gefüllt – aber es waren immer Menschen da, die die Zukunft ihrer Pfarrei gestalten wollen.
Die Idee zu dieser Tour entstand vor zwei Jahren, am Tag der Pfarrgemeinderäte. Damals war es ein spontaner Gedanke: einmal bewusst in die Fläche zu gehen, und zuzuhören, wahrzunehmen, miteinander ins Gespräch zu kommen – und dies im Blick auf das Thema der Wahlen. Hintergrund ist ja, dass sich gerade die pastoralen Räte in einer fast unüberschaubaren Vielfalt entwickelt haben – und wir hatten die Frage, wie wir diese Entwicklung gut begleiten können. Wir wussten nicht, ob dieses Angebot überhaupt auf Resonanz stoßen würde. Heute können wir sagen, dass wir sehr froh – und ehrlich gesagt auch überrascht – über die vielen Anfragen sind, die uns erreicht haben. Wir hatten keine fertigen Antworten im Gepäck. Uns ging es darum, zuzuhören und ins Gespräch zu kommen. Und wir haben viel mitgenommen: gute Beispiele, die wir als Best-Practices weitergeben möchten, aber auch viele Ideen, die wir nun rechtlich klären müssen. Die Rückmeldungen waren so unterschiedlich wie die Gemeinden selbst. Das hat uns noch einmal deutlich gemacht, wie verschieden die Ausgangspunkte sind und wie wichtig es ist darüber ins Gespräch zu kommen.
Nun halten wir Zwischenstopp und sehen uns die vergangenen Monate an. Bisher kamen schon mehr als zwanzig Besuche zusammen. Betrachtet man die Wege, ergibt sich ein weit verzweigtes Netz, das sich von Peine-Handorf resp. Hildesheim aus über das gesamte Bistum spannt. Die Entfernungen reichten von kurzen Fahrten bis hin zu längeren Strecken von über hundert Kilometern. In der Summe kamen wir auf etwa 2.900 gefahrene Kilometer – eine Strecke, die ungefähr einer Fahrt von Hildesheim nach Rom und fast wieder zurück entspricht.
Für jeden Besuch nahmen wir uns zwischen zwei und dreieinhalb Stunden Zeit vor Ort. Oft begannen die Veranstaltungen mit einem Gemeindegottesdienst. Dazu kamen fast 50 Stunden an Fahrtzeiten. Diese Zeit im Auto wurde zu einem eigenen Raum: für Gespräche, für Reflexion, für die Vorbereitung auf die nächste Begegnung, und irgendwie mussten die Eindrücke des Tages auf dem Rückweg auch verarbeitet werden.
Die Treffen vor Ort folgten einem vertrauten Rhythmus, der sich als sehr hilfreich erwiesen hat. Am Anfang stand die Frage nach der Erwartungshaltung: Was erhoffen sich die Teilnehmenden von diesem Treffen, welche Fragen brennen, welche Hoffnungen oder Sorgen stehen im Raum? Und ja – manchmal musste einfach auch nur mal Druck abgelassen werden, um dann ins Gespräch zu kommen.
Darauf folgte die Soziometrie, ein kurzer, aber sehr aufschlussreicher Teil. Mit Einschätzungen auf einer Skala von eins bis zehn ordneten die Teilnehmenden einige Aussagen aus ihrer Sicht ein: Wie gut bilden die Räte die Vielfalt unserer Pfarrei ab, wie gelingen uns Meinungsbildungsprozesse in den Räten, haben wir als Pfarrei ein gemeinsames Bild von der Zukunft, wie gut binden wir Einrichtungen und Initiativen ein, wie gut kennen wir die Bedürfnisse der Menschen im Sozialraum? Diese Fragen öffneten Räume für Gespräche, für Nachdenklichkeit und für Aha-Momente. Es gab dann auch Schmunzelmomente, beispielsweise als ein Teilnehmer das Fenster öffnete, um anzudeuten, dass die Skala nicht ausreichend ist und er eigentlich draußen stehen müsste.
Daran schloss sich ein kurzer Blick auf die KMU-Studie 6 an und unter welchen Randbedingungen das Bistum agiert: weniger Hauptberufliche, neue Leitungsmodelle, die Vielfalt kirchlicher Orte und die Notwendigkeit, Verantwortung breiter zu verteilen. Der Wunsch vieler Menschen nach einer authentischen Kirche. Ein gemeinsamer Blick auf die größeren Linien, die uns im Bistum, aber auch die Menschen vor Ort bewegen und die unser Tun beeinflussen.
Danach folgte ein offener Raum für Fragen und Antworten, der jedes Mal anders war: mal sachlich, mal emotional, mal visionär, mal sorgenvoll, aber immer spürbar ehrlich und offen. Vieles kam in dieser Phase zum Tragen, was den Teilnehmenden sicherlich schon seit Jahren bekannt war, aber nicht offen ausgesprochen wurde. Auch das zeigt, dass wir mehr Räume für eine offene, aber auch wertschätzende Kommunikation brauchen.
Am Abschluss stand das gemeinsame Überlegen: Wie kann synodale Verantwortung hier vor Ort gelingen, wie finden wir Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wie gelingt Legitimation, Transparenz und Beteiligung, welche Formen passen zu dieser Pfarrei oder diesem Kirchort? Dieser letzte Teil war oft der lebendigste. Hier entstanden Ideen, hier wurden Perspektiven geteilt, hier zeigte sich, wie viel Kraft in den Gemeinden steckt. Diese Phase war oft geprägt von einer Aufbruchstimmung und der Sammlung von Ideen, wie es bei all den Schwierigkeiten gelingen kann.
Viele Fragen und Diskussionen haben deutlich gemacht, dass die Frage nach den Wahlen eigentlich nur die Spitze des Eisbergs ist. Darunter liegen in vielen Gemeinden weit grundlegendere Themen: die Frage nach der Zukunft der Kirche, der Pfarrei und des jeweiligen Kirchortes, die Auseinandersetzung mit Veränderungen, die nicht aufzuhalten sind, und die Gewissheit, dass Liebgewordenes zu Ende geht, ohne dass schon klar wäre, was das Neue bringen wird. Diese Spannung zwischen Abschied und Aufbruch, zwischen Risiko und Chancen, zwischen Unsicherheit und Hoffnung hat sich wie ein roter Faden durch unsere Gespräche gezogen.
Zugleich ist deutlich geworden, dass unsere Besuche Diskussionen angestoßen haben, die für die Beteiligten nicht neu waren. Vieles war längst da, oft unausgesprochen, manchmal nur im kleinen Kreis thematisiert. Der Besuch hat jedoch oft einen Impuls gegeben, diese Themen offen anzusprechen und bewusst in den Blick zu nehmen. In vielen Gesprächen war es hilfreich, bei schwierigen Themen gedanklich zwei Schritte zurückzutreten und zu fragen, was ist die Idee hinter der Frage? Es geht nicht nur um Wahlen, sondern um Beteiligung, Legitimation und Transparenz. Wenn man das größere Ziel in den Blick nimmt, eröffnen sich plötzlich ganz neue Sichten und man erkennt viel einfacher den möglichen Gestaltungsspielraum.
Nun geht es darum, die Gremienwahlen gut zu gestalten und auch die Gremien nach den Wahlen zu begleiten. In den nächsten Jahren müssen Weichen gestellt werden. Mittelfristig müssen wir als Bistum hinterfragen, ob die enge Verbindung zwischen der Pfarrei als Körperschaft und der Pfarrei als kleinstem Ort im Kirchenrecht so noch sinnvoll ist und wie wir Menschen, die Verantwortung übernehmen, angesichts der gesetzlichen Anforderungen stärker entlasten können. Das ist keine kleine Frage, aber sie ist notwendig, wenn wir Beteiligung ermöglichen und Verantwortung tragbar halten wollen.
Was uns besonders beeindruckt hat, ist die Vielfalt unseres Bistums und die Ungleichzeitigkeiten, die damit einhergehen. Manche Gemeinden sind schon weit auf dem Weg synodaler Verantwortung, andere stehen am Anfang. Manche Orte haben stabile Strukturen, andere suchen noch nach ihrer Form. Und doch verbindet sie alle der Wunsch, Kirche nicht einfach geschehen zu lassen, sondern sie bewusst zu gestalten. Die Vielfalt im Bistum kann anstrengend sein – das hören wir oft. Gleichzeitig steckt darin eine Energie, die man erst richtig spürt, wenn man mit den Menschen vor Ort spricht.
Noch sind wir nicht am Ende unserer persönlichen Tour. Mit diesem Bericht haben wir einen Zwischenstopp auf dem Weg zu den Wahlen eingelegt. Vieles gilt es aber noch zu erkunden.
Oft wurden wir gefragt: ist das nicht zu viel Aufwand - fast jedes Wochenende unterwegs zu sein? Würde da nicht eine Zoom-Konferenz reichen? Ja, es ist viel Aufwand und ich - Christian Heimann - habe es sicherlich unterschätzt, was es bedeutet, neben den anderen Wochenendterminen auch noch einen oder manchmal 2 Tage am Wochenende zusätzlich unterwegs zu sein – gerade auch weil die Fahrzeiten in unserem Flächenbistum manchmal mehr Zeit in Anspruch nehmen als der anschließende Austausch. Aber es hat sich auch gelohnt. Wir haben viel mitgenommen. Wenn wir wieder von Ungleichzeitigkeiten und der Vielfalt im Bistum sprechen, verbirgt sich dahinter nicht nur ein Wort, sondern viele reale und konkrete Geschichten und Menschen, für die Kirche wichtig ist.
Vielleicht sehen wir uns beim nächsten Zwischenstopp in ihrer Pfarrei!
Dr. Christian Heimann & Dr. Christian Hennecke
Mai 2026
Wenn Sie auch das Angebot eines Besuchs in Anspruch nehmen möchten, melden Sie sich bei uns! wahlen(ät)bistum-hildesheim.de



